Heilpraktiker Berufs-Bund

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Pfarrer Kneip und seine Naturheilkunde

Stärkung versus Verweichlichung – die ganzheitliche Immunstärkung und Abhärtungstheorie des Pfarrers Sebastian Kneipp

Der Körper des Menschen wurde einst häufig mit einer Festung verglichen, in welcher der Geist als König und die Seele als Königin regiert. Gelegentlich wird diese Burg unter Beschuss genommen: Feinde wie Stress, Umweltfaktoren, Krankheiten und weitaus andere mehr bedrohen ihre Integrität. Die Bastion Mensch jedoch hat ein gut ausgebautes Abwehrsystem, welches aus mehreren Schutzwällen und den Verteidigungstruppen der Immunzellen besteht. Zahlreiche unterschiedliche Therapien vermögen diese heute zu unterstützen. Und zahlreiche andere sind leider in Vergessenheit geraten, obwohl unlängst neuere Studien ihre Wirksamkeit erneut beweisen konnten ...

Das dem Menschen angeborene Immunsystem stellt die erste Verteidigungslinie des Körpers gegen Infektionen dar. Potenzielle Krankheitserreger können die Körperoberfläche nicht durchdringen, sondern werden von verschiedenen physikalischen, biochemischen und mikrobiologischen Komponenten der Schutzbarriere zurückgehalten. Zu dieser ersten Abwehr gehören auch im Gefäßsystem zirkulierende Faktoren und Zellen, die erst aktiv werden, wenn ein Erreger die äußeren Barrieren überwinden konnte. Alle diese Faktoren der ersten Verteidigungslinie haben ein breites Wirkungsspektrum, welches auch durch naturheilkundliche Therapiemethoden unterstützt, gestärkt oder gereizt werden kann.

In früherer Zeit sahen Therapeuten die Ursache vieler Krankheiten in der Anhäufung von unerwünschten Substanzen im Körper. Diese sogenannten „Toxine“ vergiften demnach das Blut und verhindern das harmonische Funktionieren des Organismus. Die Folge: Abwehrreaktionen verschiedenster Art, denn der Körper ist stetig darum bemüht, sich von vergiftenden Substanzen zu befreien. Die facettenreichen Reaktionen, Schnupfen, Bronchitis, Ekzeme, Geschwüre und vieles andere mehr, entspringen demnach dem Bemühen des Körpers sich zu entgiften.

Behandlungsmethoden, die sich aus dieser Betrachtungsweise ergaben, bestanden folglich darin, dem Körper einerseits dabei zu helfen, sich von den belastenden Substanzen zu befreien und andererseits die Nahrungszufuhr zu regulieren, um die Quelle der Belastung zum Versiegen zu bringen. Diese klare und einfache Logik, die Kranke Jahrhunderte hindurch entlastete und heilte, hat durchaus auch heute noch ihren Wert – obschon sie von der modernen Medizin nicht unbedingt stets verfolgt wird. Nicht minder logisch und vorab regulierend und schützend ist die Stärkung der Abwehr, die Abhärtung gegen „Übergriffe“. Denn betrachtet man nun diese erste Verteidigungslinie, so gerät die Haut zu einem ersten Schutzwall, der mit Wasseranwendungen, Kräuterbädern und Reizen gestärkt werden kann. Eine Stärkung, die ganzheitlicher ist, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Mehr als Wechselduschen: Die ganzheitliche Kneipp-Therapie

Wird heutzutage der Name Kneipp vernommen, so wird er unweigerlich mit Wechselduschen in Verbindung gebracht - sowohl geistiger als auch körperlicher Art. Bedauerlich, ist das eigentliche Kneipp-Konzept doch eine ganzheitliche Therapie, die Körper, Geist und Psyche in Einklang bringen möchte, vor allem auf Vorbeugung setzt und nicht einzig auf kalte Güsse und Wassertreten reduziert werden sollte.

Sebastian Kneipp (1821-1897) war ein Erneuerer der Pflanzenheilkunde. Viele längst vergessene Heilpflanzen, wie Schachtelhalm, Weißdorn, Heublumen oder das Johanniskraut rief er erneut in das Bewusstsein der Menschen. Vor allem aber ist er für seine Wasserkuren bekannt, die der spätere Pfarrer als heilsam erkannte, nachdem er seine schwere Tuberkulose durch eiskalte Bäder in der Donau selbst kurierte: Als 28-jähriger Student erkrankte der Sohn mittelloser Weber heftigst und stand nach dem Urteil seiner Ärzte gar bereits „am Rande des Grabes“. Mit jenen winterlichen Besuchen der eiskalten Donau aber hat der junge Mann die damals als unheilbar geltende Krankheit besiegt; eine Autopsie bestätigte seine Genesung. 40 Jahre später schrieb er in seinen Erinnerungen: „Durch die Hilfe des Wassers allein lebe ich heute.“

„Ist das Wasser für den gesunden Menschen ein vorzügliches Mittel, seine Gesundheit und Kraft zu erhalten, so ist es auch in der Krankheit das erste Heilmittel; es ist das natürlichste, einfachste, wohlfeilste und, wenn recht angewendet das sicherste Mittel.“ (Sebastian Kneipp)

Die Idee für diese Radikalkur verdankte Kneipp einem Büchlein, welches er in einer Bibliothek entdeckt hatte: „Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen insbesondere der Kranken“. Veröffentlicht hatte es 1738 Johann Siegmund Hahn. In dieser Abhandlung hatte der schlesische Mediziner letztlich aber lediglich zusammengetragen, was die Menschen schon jahrtausendelang vor ihm praktizierten. Bäder nutze man bereits in der Antike als Heilmittel. Auf einer 3500 Jahre alten Keilschrifttafel aus Mesopotamien ist bereits eine Anleitung zum Wasserguss festgehalten; Benedikt von Nursia empfahl das Baden als therapeutisches Mittel; im Mittelalter entstand ein regelrechter Kult hinsichtlich des Zubers und diverser Güsse, der ebenfalls nicht einzig der Belustigung oder Entspannung galt. Hildegard von Bingen lobte temperaturansteigende Bäder zugunsten des Immunsystems in ihrer „Causae et curae“ - sie sind bis heute wichtiger Bestandteil der klassischen Klostermedizin.

Kneipp entdeckte die immunologische Wirkung von Hautreizen wieder und entwickelte ein System von Kaltwassergüssen, Wickeln und Bädern, die Maßnahme der Abhärtung und einige weitere Möglichkeiten, den Körper mitsamt Geist und Seele zu stärken. An Aktualität haben diese Heilmethoden bis heute nicht eingebüßt, vermögen sie doch das Immunsystem zu stärken, die körperliche Fitness zu steigern, eine erhöhte Resistenz gegen psychischen und physischen Stress aufzubauen und innere Balance zu finden. So verhindern beispielsweise Wasseranwendungen und Bewegungsreize eine starke Ausschüttung von Stresshormonen, Abhärtungen mit Güssen beinhalten eine Stärkung des Immunsystems.

„Das Wasser hat große Wirkungen, gewiss, es leistet mitunter Unglaubliches, aber wenn der Mensch nicht will, dann ist alles aus, gegen Dummheit kämpfen Götter und Wasserströme vergebens.“ (Sebastian Kneipp)

„Gesundheit ist Reichtum!“

Kneipp kannte die Lebensverhältnisse und Nöte der Menschen seiner Zeit. So reicherte er die Hydrotherapie (hydros – griechischer Begriff für Wasser) um weitere Aspekte an: ausgewogene Ernährung, ausreichende Bewegung und die „Ordnungstherapie“, die Lehre vom geregelten Leben. Seine Abhandlungen entsprechen weitgehend den heute geltenden Theorien vom gesunden Lebensstil, einen wichtigen Teil bildete auch die Kräuterkunde.

„Mittel, welche das natürliche Heilverfahren beansprucht, beruhen in Licht, Luft, Wasser, Diät, Ruhe und Bewegung in ihren verschiedenen Anwendungsformen. Dinge, die, wenn sie normal vorhanden, den gesunden Organismus gesund erhalten und wieder gesund machen können, wenn er erkrankt ist,“ so formulierte er und im Umkehrschluss umfasst seine Theorie fünf Elemente, die auch als Säulen seiner Lehre bezeichnet werden: Die Ordnungstherapie, die Vorbeugung und Heilung durch die richtige Lebenseinteilung umfasst, die Ernährungstherapie, die auf gesundes Essen bezogen ist, die Bewegungstherapie zugunsten der Prävention und Heilung durch körperliche Aktivität, die Hydrotherapie mit Wasseranwendungen unterschiedlichster Art als Grundlage und die Phytotherapie, die eine Nutzung von Heilpflanzen beinhaltet und nach der Wassertherapie die zweite wichtige Säule der Kneipp-Kuren darstellt.

„Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für seine Krankheit opfern.” (Sebastian Kneipp)

Kneipps Ordnungstherapie könnte man als ein Herzstück seiner Philosophie bezeichnen, denn sie hat zum Ziel, eine gesunde Lebenseinstellung zu bekommen: Körper, Geist und Seele im Einklang - die Voraussetzung für ein gesundes Leben. Dazu gehören der Aufbau von gesunden Strukturen für die äußere und innere Lebensordnung, heutzutage gern als innere Mitte oder Balance bezeichnet, sowie die Orientierung des Lebens auf sinnvolle Ziele. Krankmachende Einflüsse müssen vom Menschen wahrgenommen und möglichst ausgeschaltet werden, damit er körperlich und seelisch widerstandsfähig wird.

Ebenfalls von Wichtigkeit ist eine vielseitige, ausgewogene Ernährung und Bewegung. Wenig Fett, Eiweiß in Maßen nicht Massen und reichlich Kohlehydrate, vor allem pflanzliche Nahrungsmittel, Frischkost und Pflanzenöle, Milch und Fisch, so die Empfehlung von Pfarrer Kneip. Kaffee, Alkohol und denaturierte Nahrung hingegen sollten vermieden werden.

Regelmäßige Aktivität ohne übertriebenen Leistungsanspruch, das gezielte Wechselspiel zwischen Anspannung und Entlastung sind Grundlage der Kneippschen Anregungen zur körperlichen Betätigung, die zwar Verbote meidet, aber Härte schätzt.

„Die Entwöhnung der Haut von Kältereizen ist wohl die wesentlichste, aber nicht die alleinige Ursache von Erkältungen“ (Sebastian Kneipp)

Die Hydrotherapie basiert auf der Heilkraft des Wassers, da Wasser auf den Körper einen Temperaturreiz ausübt, der wiederum das Immunsystem stimuliert. Dazu gehören Güsse, Bäder, Waschungen, Wickel und Packungen unterschiedlichster Art, die teils einfach im Gebrauch, aber von nachhaltiger Wirkung auf den menschlichen Organismus sind.

Die Anwendungen erfolgen unter anderem nach dem Kalt-Warm-Prinizip: So führt ein kalter Reiz auf der Haut zunächst dazu, dass sich die Blutgefäße in der Haut verengen, sie weniger durchblutet wird. Nach kurzer Zeit erhöht sich die Durchblutung wieder, ein angenehmes Wärmegefühl wird empfunden. Der kalte Reiz wirkt nicht einzig lokal im Areal der behandelten Haut, sondern über Nerven und Hormone auch auf den gesamten Körper und die Psyche. Nach einer warmen Dusche werden Arme und Beine von unten nach oben, danach der Rumpf von außen in Richtung Herz mit kaltem Wasser begossen. Die gleiche Prozedur erfolgt im Anschluss mit warmem Wasser, was beliebig wiederholt werden kann, stetig aber mit einem kalten Guss beendet werden sollte. Regelmäßige Wiederholungen bewirken einen Trainingseffekt, der das Immunsystem kräftigt und so zur Abhärtung führt. Die Durchblutung wird verbessert, stärkt die körpereigenen Abwehrkräfte und fördert den Lymphabfluss und auf diese Weise gar die Ausscheidung von Schlacken aus dem Körper. Die Zellen werden besser mit Nährstoffen versorgt. Darüber hinaus werden bei einem Kaltreiz auch Stresshormone freigesetzt, beispielsweise Adrenalin. Daran vermag sich der regelmäßig abgehärtete Körper zu gewöhnen – und reagiert angesichts derer zunehmend ökonomischer. Des weiteren wird der Stoffwechsel verbessert, die Muskulatur entspannt.

Stärkung versus Verweichlichung

So manchen starken Mann habe er nach dem ersten Kaltwasserguss „wie Espenlaub zittern“ sehen, wird Kneipp gern zitiert, der Verweichlichung als schändlich ansah und Schwächlinge eher verachtete. Abhärtung ist also als ein Hauptanliegen seiner Lehre. Doch was ist Abhärtung?! Und wie soll diese wissenschaftlich erfasst werden, in einer Zeit, wo alles rational erfassbar zu sein hat? Interessant, dass gerade der Begriff der „Abhärtung“ im Zusammenhang mit neuen Studien als eine „Abhärtung des Immunsystems“ nach den von Pfarrer Kneipp empfohlenen Anwendungen wieder zum Thema wird:

Eine Studie des Kompetenzzentrums für Naturheilverfahren, Universität Jena, untersuchte beispielsweise die Wirkung von Wasseranwendungen auf das Immunsystem von Patienten mit chronischer Bronchitis. Über zehn Wochen wurde der Oberkörper der Probanden mit Kälte behandelt, dreimal wöchentlich mit Güssen, zweimal pro Woche mit Waschungen. Fazit: Die Anzahl der Lymphozyten stieg um dreizehn Prozent, die Zahl jener Infekte, unter denen die Behandelten aufgrund einer zuvor eher eingeschränkten Lungenfunktion gewöhnlich litten, sank. Weitere Studien kamen zum gleichen Ergebnis und konnten einen vergleichbaren Anstieg von Immunzellen aufweisen, was mit der Anpassung des Immunsystems an die wiederholten Reize der Kaltwasserbehandlung begründet werden konnte. Der Organismus hatte somit gelernt, auf wiederkehrende äußere Reize angemessen zu reagieren. Dies bedeutet zum einen ein Training der komplexen Vorgänge im Immunsystem – die Abhärtung. Zum anderen wappnet die größere Zahl der Immunzellen den Körper besser gegen Krankheitserreger: Die Stärkung des Immunsystems.

Abhärtung als Mittel der Wahl zugunsten des Immunsystems

Die Jenaer Ärzte konnten aus diesen Ergebnissen schlussfolgern, dass sich durch regelmäßige Kaltwassergüsse über den Mindestzeitraum von zehn Wochen die Anfälligkeit für Atemwegsinfekte wirksam senken lässt.

Weitere Studien wurden 2007 von der namensgleichen Stiftung mit dem Sebastian Kneipp Preis ausgezeichnet: Dr. med. Eva Jacob aus Bad Wörishofen stellte fest, dass einfache Kaltwasseranwendungen gemeinsam mit den weiteren Aspekten der Kneipp-Kur eine blutdrucksenkenden Wirkung haben. Sie ermöglichen zudem eine verbesserte Blutdruckeinstellung mit weniger Medikamenten und können sogar zu einer Leistungssteigerung beitragen. (Wirksamkeitsnachweis hydrotherapeutischer Anwendungen in der Behandlung der primären arteriellen Hypertonie Grad I /Grad II nach der WHO-Klassifikation) In seiner Dissertation an der Universität zu Münster konnte der Pharmazeut Dr. Miguel M. B. Hattesohl bei seinen pharmakologischen Untersuchungen unterschiedlich hergestellter Zubereitungen aus Baldrian auf zentralnervöse Wirkungen die Aussage von Pfarrer Kneipp beweisen, dass Baldrian nicht müde macht und gleichzeitig beruhigt, wie fälschlicherweise häufig angenommen wird. Dies wird mit der angstlösenden, stimmungsaufhellenden und besonders der stressreduzierenden Wirkung von Baldrian verdeutlicht. (Pharmakologische Untersuchungen zu Valeriana officinalis L.s.l.)

Prof. Dr. Manfred Gratzl konnte gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe in München die Erkenntnisse von Sebastian Kneipp hinsichtlich der heilenden Wirkung von Gewürzen wie Thymian, Gewürznelken und anderen Pflanzen wissenschaftlich über völlig neue Mechanismen erklären. Sie fanden heraus, dass pflanzliche Aromastoffe im Körper nicht nur an die Riechrezeptoren der Nase anbinden und auf diese Weise „ein bekömmliches Essen signalisieren“, sondern auch an Sensorzellen in der Schleimhaut des Darms.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich nicht nur erneut, dass die Vernetzung der „Festung Mensch“ enger ist, als häufig angenommen, sondern auch, dass die Stärkung des Immunsystems durch die Therapie des Sebastian Kneipp selbst in unserer heute doch scheinbar sehr viel komplexeren Welt aktuell wie eh und je ist. Es gilt schlichtweg, die Verteidigungslinie intakt zu halten, ihre Sinne zu schärfen und die Eingänge der Bastion zu bewachen. Ein grundsätzlich recht probates Mittel ...

„Lebe recht vernünftig; schätze es hoch, im Sonnenlicht dein Tagwerk vollbringen zu können; verdirb nicht selbst die gute Luft, welche du einatmen kannst und sei nicht frevelhaft gegen deinen Körper,  indem du mehr von ihm verlangst, als er zu leisten vermag, oder mit anderen Worten: Handle nicht unvernünftig gegen dich selbst!“ (Sebastian Kneipp)

Die Kneippheilkunde und ihre Mittel

Die Therapie des Sebastian Kneipp umfasste unter anderem die Anwendung von Wasser generell, Güsse und Waschungen, kalte und warme Bäder, Wickel und Auflagen, Dämpfe, Heilkräuteranwendungen, alternative Heilmittel wie Knochenmehl, Kohle- und Kreidepulver oder Lehm, Badezusätze aus Heilpflanzen, Luft-, Licht- und Sonnenbäder sowie körperliche Übungen, Abhärtung durch Barfußgehen, Gehen im taufrischen oder nassem Gras, nassen Steinen oder im Neuschnee sowie Wassertreten.

Pfarrer Kneipp legte zugunsten der Abhärtung großen Wert auf Barfußlaufen. Es führt zu einer Kräftigung der Fußmuskulatur, weshalb es gerade auch für Kinder sehr zu empfehlen ist.

Auch Tautreten dient der Stärkung des Immunsystem. Die Dauer des Tautretens im taufrischen Gras sollte etwa drei bis fünf Minuten betragen, optimal wäre es gleich nach dem Aufstehen. Danach sei es empfohlen, warme Socken anzuziehen und einige Minuten schnell zu gehen. Auch das kurzzeitige Gehen in frisch gefallenem Schnee möge noch erwähnt werden: Hier gilt es die Reaktionen zu beachten, die Füße abzutrocknen, Strümpfe wieder anzuziehen und am besten durch Gehen oder Laufen für Erwärmung sorgen. Dies ist übrigens die einzige Anwendung, die mit kalten Füßen gemacht werden darf.

Zugunsten des Wassertretens fülle man eine Wanne bis eine Handbreit unter die Kniekehle mit leitungskaltem Wasser. Nun stellt man sich in das Wasser und schreitet auf der Stelle: Bei jedem Schritt wird dabei wie im Storchengang ein Bein völlig aus dem Wasser herausgezogen und dabei die Fußspitze etwas nach unten gebeugt. Danach streift man das Wasser mit den Händen von den Beinen und erzeugt durch Fußgymnastik oder Gehen ein angenehmes Wärmegefühl. Die Wirkung ist anregend wie abhärtend, immunstärkend, durchblutungsfördernd, venenkräftigend, stoffwechselanregend, abhärtend, vegetativ stabilisierend.

Der Daueraufenthalt in stets warmen Räumen führt zu einer massiven Verweichlichung, Wärmestauungen im Körper bis hin zu Übelkeit und Störungen im Kreislauf. Beim Luftbad werden der ganze Körper oder einzelne Körperteile unbekleidet der Luft ausgesetzt. Das Luftbad ist, je nach Lufttemperatur und Luftzirkulation, zeitlich zu bemessen und zu beenden, bevor ein Frösteln auftritt. Die ideale Temperatur liegt zwischen vier bis 18 Grad. Anschließend möge man sich ankleiden und für Wiedererwärmung sorgen.

Beim Trockenbürsten wird im Gegensatz zu den Wasseranwendungen ein mechanischer Reiz auf die Haut ausgeübt. Eine leichte Rötung ist die erwünschte Reaktion. Striemen oder Kratzer lassen auf eine zu grobe Behandlung oder auf eine falsche Bürste schließen. Nun den ganzen Körper, auf der rechten Seite beginnend, von unten nach oben mit kreisenden Bewegungen abbürsten. Da das Trockenbürsten sehr anregend wirkt, nicht vor dem Schlafengehen anwenden.

Abhärtungsmittel (aus Kapferer, 1949)

Die Mehrzahl der Kulturmenschen hat nicht die nötige Widerstandskraft gegen den Wechsel der Witterung und sonstige Temperatureinflüsse. Viele vermögen es nicht, sich der Kälte anzupassen; sie frieren daher und erkälten sich somit, bekommen Fieber oder verschiedenste Katharre. Im Sommer hingegen können sie trotz Hitze nicht oder nur unzureichend schwitzen.

Um gesund zu bleiben, sollte die Haut in der Lage sein, Wärme- und Kälteeinwirkungen rasch auszugleichen. Die Poren müssen sich je nach Außentemperatur gut öffnen oder schließen, auch die Hautblutgefäße sollten darauf gut zu reagieren wissen. Das beste Mittel gegen die ungenügende Hautfunktion ist die Abhärtung. Schon im Kindesalter sollte man gegen Verweichlichung ankämpfen und deshalb die Kinder allmählich abhärten, natürlich in individueller Abstufung.

Zunächst vermeide man die Überheizung der Wohnung im Winter, man sorge für gute Lüftung und lasse nachts im Schlafzimmer ruhig das Fenster auf. Das Bett sollte nicht aus einer zu weichen Matratze, aus Federkissen und schweren Federdecken bestehen. Für Kinder empfiehlt sich Rosshaar und Wolle neben einem kleinen Federbett. Die Kleidung sollte der Luft Zutritt gestatten. Man trage also keine zu warmen Kleider; Frauen sollten ein Korsett meiden, keine Leib- und Gummibinden tragen. Um die Haut und die Schleimhäute möglichst widerstandsfähig zu machen, halte man sich bei jeder Witterung viel im Freien auf. Eine gute Vorübung dazu ist der fleißige Besuch des Licht- und Luftbades. Außerdem mache man täglich eine kalte Oberkörper- oder Ganzwaschung, treibe Gymnastik und Sport. Speziell Kneippsche Abhärtungsmittel sind zudem das Barfußlaufen, das Tautreten, das Gehen in frischgefallenem Schnee, das Halbbad in der Früh und das Armbad am Nachmittag.

Anleitung zum Gebrauch der Kneippschen Anwendungen

Vor einer Wasseranwendung sollte stets die Ursache der Beschwerden abgeklärt werden, da die Kneipp-Therapie beispielsweise im Falle akuter, schwerer Erkrankungen des Herzens als primäre Behandlungsmethode eher keinen Nutzen, bei einigen Krankheitszuständen wie Psychoseschüben vielmehr gar eher Schaden birgt. Ist eine Kneipp-Anwendung angezeigt, sollte ein Experte die geeignete Methode herausfinden und dem Patienten erläutern. Dies kann im Rahmen einer Badekur (deren Kosten die Kassen häufig übernehmen) oder über einen niedergelassenen Kneipparzt erfolgen.

Zuvor, insbesondere bei Kaltanwendungen soll der Körper gut erwärmt sein. Diese möge durch Gymnastik, Spazieren oder bei älteren Menschen und Kranken durch vorausgehende Bettruhe erreicht werden. Kalte Füße sind durch Trockenfrottieren oder ein warmes Fußbad vorzuwärmen. Auch im Anschluss ist für eine Erwärmung des Körpers Sorge zu tragen. In erhitztem Zustand sind bei nicht beschleunigter Herztätigkeit Kaltanwendungen zulässig. Hier ist insbesondere darauf zu achten, dass die Abkühlung des Körpers allmählich und von unten her erfolgt. Eine bewusst ruhige seelische Einstellung ist ausschlaggebend an der Wirkung der Anwendung beteiligt. Darum sollte eine solche bei stark erregtem Zustand unterbleiben.

Sämtliche Wasseranwendungen sind nur in warmen Räumen durchzuführen; größere und stark anregende Anwendungen werden zweckmäßig in die Früh- oder Vormittagsstunden verlegt, nachmittags und abends sollten nur kleinere erfolgen.

Unmittelbar vor oder nach einer Mahlzeit nutze man keine Wasseranwendungen, es sei denn, dass sie dem Verdauungstrakt direkt beeinflussen sollen. Ein zeitlicher Abstand zwischen den Anwendungen ist unbedingt einzuhalten, hier sind zwei bis drei Stunden anzuraten.

Der Aufwand für die Kneipp-Therapie ist gering: Dusche, Gießkanne, Schlauch und kleine Wannen oder Schüsseln für Teilbäder reichen als Ausrüstung für nahezu das gesamte Kneipp-Programm. Die meisten Anwendungen dauern nur wenige Minuten. Allerdings sollte der Patient im Anschluss eine Ruhezeit von einer halben bis ganzen Stunde einhalten. Wichtig dabei ist, dass keine weiteren starken Reize einwirken.

Der Zeitraum der Behandlung hängt von der Erkrankung ab. So kann eine Venenentzündung gegebenenfalls bereits mit drei oder vier Kaltwasser-Anwendungen heilen, eine Behandlung von Bluthochdruck hingegen benötigt eher lebenslanges Kneippen; zur Stärkung des Immunsystems sei dies genauso regelmäßig empfohlen.

Die Kräuterbäder des Sebastian Kneipp

Heublumenbad

Unter Heublumen versteht man die trockenen Blütenköpfe, Stängel und Blattreste, die sich auf dem Boden des Heuschobers anhäufen und übrig bleiben, wenn das Heu verfüttert ist. Diese aromatisch riechende Mischung aus Blüten von Gräsern, Sommerwiesenblumen, den Köpfchen von Klee oder Distel, werden aufgekehrt und bei Bedarf - ein halbes bis ganzes Pfund davon - aufgekocht und dem (35 bis 37 Grad) heißen Bad beigemengt. Kneipp verordnete Heubäder bei Rheuma, Gicht, Skrofulose, Nieren-, Blasen- und Unterleibsleiden sowie nervösen Störungen. Eigentlich eignet sich das Heublumenbad für fast alle Leiden, auch bei viralen Grippen. Bei den Kunstwiesen der heutigen Agrarbetriebe jedoch fallen „echte Heublumen“ kaum noch an. Alternativ können die entsprechenden Blüten und Gräser von Hand gesammelt und getrocknet aufbewahrt werden.

Haferstrohbad

Kneipp ließ eine Menge von ungefähr zwei Pfunde des kieselreichen, gehäckselten Haferstrohs eine Stunde lang kochen und gab es dem Vollbad bei. Ein Mittel gegen Grieß- und Steinleiden, bei Nieren-, Blasen-, Gicht- und Rheuma-Erkrankungen, zudem bei Fußschweiß und Hautausschlag.

Walnussblätterbad

Nach Kneipp werden zwei Pfund der frischen oder getrockneten Blätter eine dreiviertel Stunde lang gekocht und dann dem Bad hinzugesetzt. Indikationen sind der skrofulose Symptomkomplex (Rhinitis, Blepharitis, Konjunktivitis, Keratitis, Lymphadenitis), besonders bei Kindern, sowie Eiterungen der Knochen und Gelenke und hartnäckige Wunden.

Kamillenblüten- und Schafgarbenblütenbad

Diese Bäder wurden bei Wunden, Geschwüren, Rheuma und auch Frauenleiden empfohlen. Dafür werden zwei Hände voll mit Wasser überbrüht, bedeckt ziehen gelassen und dann dem Vollbad oder Sitzbad beigegeben.

Ackerschachtelhalmbad

Ackerschachtelhalm, auch Zinnkraut genannt, gilt als wunderbares Heilmittel bei Bindegewebsschwäche, Geschwüren, schlechter Durchblutung und Stoffwechselleiden. Als Sitzbad ist Ackerschachtelhalm bei Blasen- und Nierenleiden empfohlen. Hintergrund dessen ist die Kieselsäure, die als Bad und auch als Tee verwendet wird.

Weitere Bäder, die der Altmeister der Naturheilkunde angibt, sind Fichtennadelbäder für rheumatische Beschwerden, Pfefferminzbäder zur Anregung der Lebensgeister (hier sei Vorsicht angebracht: Minze kühlt, die Temperatur des Bades kann so gegebenenfalls nicht korrekt empfunden werden, man achte auf Verbrühungen). Eichenrindenbäder sind bei nässenden Ekzemen, Frostbeulen, Hautverbrennungen und Hämorrhoiden indiziert, dazu kommen kräftigende und schmerzlindernde Weidenrindenbäder. Diese Liste könnte fortgesetzt werden, vermag doch fast jede Heilpflanze unter Umgehung des Magen-Darm-Traktes über die Haut aufgenommen zu werden.

Güsse - einfach und mit großer Wirkung

Das Besondere an Kneipps Güssen liegt darin, dass durch einen gebundenen, fast drucklosen Wasserstrahl ein Temperaturreiz nahezu ohne Reiz auf die Druckrezeptoren in der Haut ausgeübt wird. Die Entfernung zwischen Schlauchmündung und Haut sollte etwa zehn bis fünfzehn Zentimeter betragen. Die Wassertemperatur liegt beim kalten Guss zwischen zehn und fünfzehn, beim Warmguss zwischen 36 und 38, beim heißen um 40 Grad. Die Dauer des kalten Gusses beträgt im Allgemeinen rund 30 Sekunden und kann bei regelmässigen Anwendungen auch ausgedehnt werden. Sobald jedoch ein heftig-schneidendes Kältegefühl empfunden wird, ist der Guss zu beenden; anschliessend wird die Haut nicht abgetrocknet, sondern das Wasser möge mit den Händen lediglich abgestreift werden, um sich danach umgehend zu bekleiden und die Durchblutung mit Bewegung, wie durch zügiges Gehen, anzuregen.

Knieguß

Beginnend an den Zehen des rechten Fußes, wird der Wasserstrahl über den Fußrücken zur Ferse, von dort an der Wade hoch bis eine Handbreit über die Kniekehle geführt. Dort verweile man etwa fünf Sekunden und achte darauf, dass das Wasser wie ein Mantel die ganze Wade bedeckt. Dann wandert der Wasserstrahl an der Innenseite der Wade wieder zurück zur Ferse. Dasselbe geschehe am linken Bein. Zum Schluss werden hintereinander beide Fußsohlen kurz abgeduscht.

Wirkung: Tonisiert und kräftigt die Venen, schlaffördernd, ableitend, durchblutungsfördernd, blutdrucksenkend, Stärkung der Beckenorgane und des Nasen-Rachenraums. Zu empfehlen bei Krampfadern, Einschlafstörungen, Kopfschmerzen, Bluthochdruck.

Schenkelguß

Auch hier wird wie beim Knieguss am Fußrücken des rechten Fußes begonnen, dann gehe man zur Ferse, langsam an der äußeren Rückseite des rechten Beines hoch bis zum Gesäßmuskel und verweile dort fünf Sekunden. Danach führt man den Schlauch zur Leistenbeuge und verweilt dort weitere fünf Sekunden, bevor man an der inneren Seite des rechten Beines wieder zurück zur Ferse geht. Am linken Bein führt man den Schlauch in gleicher Weise. Zum Abschluss gießt man beide Fußsohlen nacheinander kurz ab.

Wirkung: Stärker als der Knieguss, durchblutungsfördernd, entstauend, tonisierend und kräftigend auf die Venen, blutdrucksenkend und stabilisierend. Zu empfehlen bei Krampfadern, Hämorrhoiden, Bindegewebsschwäche, Zellulitis, leichten arteriellen Durchblutungsstörungen.

Kaltes Armbad

Zunächst den rechten, dann den linken Arm mit der Hand voraus bis zur Mitte des Oberarmes in ein entsprechend großes Waschbecken mit möglichst kaltem Wasser eintauchen. Die Arme je nach Verträglichkeit zwischen sechs und 30 Sekunden kreisend bewegen. Danach die Arme nicht abtrocknen und für Wiedererwärmung sorgen.

Wirkung: Erfrischend, blutdruckregulierend, durchblutungsfördernd. Zu empfehlen bei körperlicher und geistiger Müdigkeit, Kopfschmerzen

Bezugsquellen

  • Die meisten Kräuter und Teezubereitungen sind in Apotheken und Reformhäusern erhältlich.
  • Getrocknete Kräuter für Teemischungen, Sitzbäder oder zum Ansetzen erhalten Sie auch bei Der Kräutergarten, München, www.kraeutergarten-muenchen.de
  • Frische Pflanzen versenden beispielsweise Artemisia, Stiefenhofen im Allgäu, www.artemisia.de oder Rühlemann’s Kräuter und Duftpflanzen, www.ruehlemanns.de

Literaturhinweise

  • Bierbach, Elvira: Handbuch Naturheilpraxis. Urban & Fischer, München 2005
  • Botherroyd: Lexikon der keltischen Mythologie. Diederichs, München 1995
  • Gratzl, Manfred; Bast, Thomas; Voland Petra etc.: Enterochromaffin Cells of the Human Gut: Sensors for Spices and Odorants, Gastroenterlogy 2007, 132, 1890-1901
  • Kalbermatten, Roger: Wesen und Signatur der Heilpflanzen. Die Gestalt als Schlüssel zur Heilkraft der Pflanzen. AT Verlag, Aarau 2002
  • Kapferer, Richard: Wie heilt Kneipp? Paracelsus-Verlag, Stuttgart 1949
  • Mayer, Dr. J. G.: Das große Handbuch der Klosterheilkunde. Weltbildverlag, Augsburg 2005
  • Reile, Bonzifaz: Hausbuch der Kneippheilkunde, Neuwiehler Verlag, Bad Wörishofen 1923
  • Storl, Dr. Wolf-Dieter: Kräuterkunde. Aurum im Kamphausen Verlag, Bielefeld 2006

Von Barbara Schuhrk
www.vergessenes-wissen.de - www.schuhrk.de

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