Heilpraktiker Berufs-Bund

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Parabel

Gleichnis über das Sterben, 1992 verfaßt von Priester August Janich OCist, Jahrgang 1942, veröffentlicht in seinem Buch „Leiden, Krankheit, Tod“

Es geschah, daß in einem Schoße Zwillingsbrüder empfangen wurden. Die Wochen vergingen, die Knaben wuchsen im Mutterleibe heran und freuten sich: „Ist es nicht großartig, daß wir empfangen wurden. Wie wunderbar, hier zu leben“, sagten sie.

Noch größer war ihre Freude, als sie die Schnur entdeckten, die sie mit der Mutter verband und die ihnen Nahrung gab: „Wie groß ist doch die Liebe unserer Mutter, daß sie ihr eigenes Leben mit uns teilt“, jubelten sie.

Als aus den Wochen jedoch Monate wurden und sie merkten, daß es für sie immer enger wurde, fragte der eine was das zu bedeuten habe. „Das bedeutet, daß unser Aufenthalt in dieser Welt bald zu Ende geht“, antwortete der andere. „Aber ich möchte gerne hierbleiben“, erwiderte der erste. „Wir haben keine andere Wahl, wir müssen hier weg, aber vielleicht gibt es ja ein Leben nach der Geburt“, entgegnete der zweite. „Wie kann das sein“, zweifelte der erste, „Wie sollten wir denn ohne Nabelschnur leben? Und außerdem haben schon andere vor uns diesen Schoß verlassen – und keiner von ihnen ist je zurückgekehrt und hat uns von so einem Leben nach der Geburt berichtet.“ Und er fiel ob des bevorstehenden Endes in eine tiefe Depression.

„Welchen Sinn sollte das Leben in diesem Schoße haben, wenn die Empfängnis schon mit der Geburt endet? Möglicherweise gibt es noch nicht einmal eine Mutter. Haben wir sie denn je gesehen? Wir haben sie uns nur erdacht, um unserem Leben einen Sinn zu geben!? – „Aber sie muß doch existieren, wie wären wir sonst hier?!“

Und so waren die letzten Tage gefüllt voller Fragen und Angst vor dem Ungewissen. Schließlich jedoch kam der Moment der Geburt. Und als die Zwillinge durch den engen Kanal ihre Welt verlassen hatten und die Augen öffneten, schrien sie beide vor Freude, denn sie fanden ihre kühnsten Träume übertroffen …

Quelle: Aus einer Rede von Hubertus M. Schweizer, Heilpraktiker

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