Heilpraktiker Berufs-Bund

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Wenn die Haifische Menschen wären

12.05.2010:

Geschichte? Anektote? Parabel?

Wenn die Haifische Menschen wären

Bertold Brecht

„Wenn die Haifische Menschen wären“, fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, „wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?“ „Sicher“, sagte er. „Wenn die Haifische Men­schen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische gewaltige Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch Tierzeug. Sie würden sorgen, daß die Kästen immer frisches Was­ser hätten, und sie würden überhaupt allerhand sanitäre Maß­nah­men treffen. Wenn zum Beispiel ein Fischlein sich die Flosse verletzen würde, dann würde ihm sogleich ein Verband ge­macht, damit es den Haifischen nicht wegstürbe vor der Zeit. Damit die Fischlein nicht trübsinnig würden, gäbe es ab und zu große Wasser­feste; denn lustige Fischchen schmec­ken besser als trübsinnige. Es gäbe natürlich auch Schulen in den großen Kästen. In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der Haifische schwimmt. Sie würden zum Beispiel Geographie brauchen, damit sie die großen Hai­fische, die faul irgendwo liegen, finden könnten.

Die Hauptsache wäre natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein. Sie würden unterrichtet werden, daß es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freudig aufopfert, und daß sie alle an die Hai­fische glauben müßten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen. Man würde den Fischlein beibringen, daß diese Zukunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten. Vor allen niedrigen, materialistischen, egoistischen und marxistischen Neigungen müßten sich die Fischlein hüten und es sofort den Haifischen melden, wenn eines von ihnen solche Nei­gungen verriete.

Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie natürlich auch untereinander Kriege führen, um fremde Fisch­kästen und fremde Fischlein zu erobern. Die Kriege würden sie von ihren eigenen Fischlein führen lassen. Sie würden die Fischlein lehren, daß zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein riesiger Unter­schied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, sind bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und können einander daher unmöglich verstehen. Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in anderer Sprache schweigende Fisch­lein tötete, würden sie einen kleinen Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen.

Wenn die Hai­fische Menschen wären, gäbe es bei ihnen auch eine Kunst. Es gäbe schöne Bilder, auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre Rachen als reine Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln läßt, dargestellt wären. Die Theater auf dem Meeresgrund würden zeigen, wie heldenmütige Fischlein begeistert in die Haifischrachen schwimmen, und die Musik wäre so schön, daß die Fisch­lein unter ihren Klängen, die Kapelle voran, träumerisch, und in allerangenehmste Gedanken eingelullt, in die Haifischrachen strömten.

Auch eine Religion gäbe es da, wenn die Hai­fische Menschen wären. Sie würden lehren, daß die Fischlein erst im Bauch der Haifische richtig zu leben begännen. Übrigens würde es auch aufhören, wenn die Haifische Men­schen wären, daß alle Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind. Einige von ihren würden Ämter bekommen und über die anderen gesetzt werden. Die ein wenig größeren dürften sogar die kleineren auffressen. Das wäre für die Haifische nur angenehm, da sie dann selber öfter größere Brocken zu fressen bekämen. Und die größeren, Posten habenden Fischlein würden für die Ordnung unter den Fischlein sorgen, Lehrer, Offiziere, Ingenieure im Kastenbau usw. werden. Kurz, es gäbe überhaupt erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären.“

Wenn die Haifische Menschen wären

Diese Geschichte erschien 1948 in den Ka­len­der­geschichten.

Das Thema Haifische taucht in Brechts Werken mehrfach auf. So taucht er in einem Song der Dreigro­schenoper auf und in seinen frühen Gedichten. In „Aufstieg und Fall der Stadt Ma­hagonny“ werden gierige Geschäftemacher als Haie bezeichnet.

Ein Kind fragt Keuner, „Wenn die Haie Men­schen wären, wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?“ Der An­fang dieses Satzes wird in der Ge­schichte sechs Mal wiederholt und be­endet auch die Erzählung. Diese stete Wie­derholung sorgt für Eindringlich­keit und Wir­kung.

Brecht vergleicht hier die Tiere mit dem Men­schen. Auf der einen Seite der Mensch mit seiner heuchlerischen Verhaltensweise und auf der anderen Seite die „ehrlichen“ Tiere. Keuner antwortet darauf, daß die Haifische netter zu den kleinen Fischen sein würden. Die kleinen Fische würden gut gefüttert, bekämen medizinische Hilfe, denn, es wäre doch schade, wenn die kleinen Fische den Haien vor der Zeit wegstürben! Dieser Satz läßt den Zuhörer aufhorchen und nachdenklich werden.

Das Mißtrauen wird dann schließlich durch den Satz „Lustige Fische schmecken besser als trübsinnige“ bestätigt. Die Haie haben ihr wahres Gesicht gezeigt.

Für Brecht ist diese Geschichte eine Parabel der menschlichen Gesell­schaft. Auf der einen Seite die Herr­schenden und auf der anderen die Unterdrückten. Soziale Reformen und Fürsorge dienen nur dazu, den Fi­schen (= Menschen) etwas vorzumachen. So sollen sie bereit sein, sich für die Haifische zu opfern. Die Schule, die Kunst, die Religion und die Verwaltung sind für Brecht nur zu diesem Zweck vorhanden, den kleinen Fischen etwas vorzumachen.

So ist Keuners Antwort auf die Frage des Kindes bittere Ironie. Die Haie würden, wenn sie Menschen wären „humaner“ und „netter“ sein und ihre Methoden wären getarnter, aber im Endeffekt hätte sich nichts geändert: Haie fressen kleine Fische!

Gattung

Den Literaturkritikern fällt es schwer, die Keu­ner-Geschichten einer literarischen Gattung zuzuordnen. Sind sie Anekdoten oder Para­beln? Brecht be­zeichnet diese Erzählungen einfach als Geschichten.

Eine Anekdote endet in der Regel mit der Pointe, während bei Keuner die Pointe kein Schlußpunkt ist, sondern der Beginn für weitere Schlußfolge­rungen des Lesers.

Die Geschichten könnten auch als Denkbilder typisiert werden. Diese Literaturform entstand gerade zu dieser Zeit um 1930.

Eingesandt von Hubertus M. Schweizer, Heilpraktiker, Dresden

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